[Arbeiten im Verlag] Lektorat

15. Februar 2012 | 22:30 | Nachgefragt

Ich liebe Bücher! Das ist kein Geheimnis und ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass es vielen von euch ebenso geht. Und was könnte da schöner sein, als diese Leidenschaft auch zum Beruf zu machen? Ich spiele schon etwas länger mit dem Gedanken nach meinem Studium auch beruflich in einem Verlag tätig zu werden und weil ich weiß, dass einige andere ebenfalls diesen Wunsch hegen, habe ich im letzten Sommer die Arbeit an einer besonderen Interviewreihe begonnen. Die einzelnen Abteilungen in einem Verlag dürften die meisten kennen, aber ich wollte erfahren, was denn nun wirklich die einzelnen Aufgaben in den verschiedenen Bereichen sind und was man mitbringen muss, um einen solchen Job zu bekommen. Es hat ein paar Monate gedauert die Antworten zusammen zu bekommen, aber nun kann ich sie euch endlich präsentieren.

Insgesamt wird es vier Interviews mit Verlagsmitarbeitern bzw. – mitarbeiterinnen geben, die sich freundlicherweise bereit erklärt haben meine Fragen zu beantworten. Vielen Dank noch einmal an dieser Stelle! Den Anfang macht heute Timothy Sonderhüsken, der einen Einblick in die Arbeit als Lektor gewährt.

Erzählen Sie uns doch bitte etwas über Ihren Beruf. Was gehört alles zu Ihren Aufgaben und wie sieht für Sie eint typischer Arbeitstag aus?
Einen typischen Arbeitstag gibt es im Lektorat nicht, wohl aber wiederkehrende Routinen, die für jedes der Halbjahresprogramme anfallen. Zu den Aufgaben eines Lektors gehören (ohne dies nun zu gewichten) die Beobachtung des Buchmarkts im In- und Ausland, das Lesen und Beurteilen der eingehenden Bücher und Manuskripte, die Vertragsverhandlungen mit Autoren, Agenten, Verlagen, die Betreuung von deutschen und ausländischen Autoren, die Planung der Verlagsprogramme, die Organisation der Buchproduktion (also Vergabe und Kontrolle von Übersetzung und Redaktion, die Vorbereitung des Manuskripts für die Herstellabteilung), das Schreiben von Informationstexten für den internen und externen Gebrauch, die Verteilung von Informationsmaterial, Unterstützung von und Mitarbeit an Marketing- und Vertriebskonzepten, das Coverbriefing für die Grafiker und, und, und. Tatsächlich ist dieser letzte Punkt – das „und, und, und“ – das, was mich immer wieder erstaunt: Es kommt immer wieder etwas Neues hinzu (ohne das allerdings auch etwas anderes wegfällt). Was jedem angehenden Lektor klar sein muss: Wer diesen Beruf ergreift, hat keinen „Nine to Five“-Job, schon allein deswegen nicht, weil das Prüfen von Manuskripten in der Regel nicht während der Büroarbeitszeiten erfolgt, sondern am „Feierabend“ oder am Wochenende.

Welche Vor- bzw. Nachteile hat Ihr Job? Was gefällt Ihnen besonders gut, was mögen Sie nicht so sehr?
Es macht mir großes Vergnügen, Verlagsprogramme mitzugestalten und Autoren dabei zu unterstützen, tolle Bücher zu schreiben. Als Lektor habe ich die Möglichkeit, jeden Tag auf die eine oder andere Art und Weise kreativ zu arbeiten – das macht mir großen Spaß. Kein Vergnügen ist es natürlich, dass Bücher letztendlich auch nicht anderes sind als Produkte, die sich verkaufen müssen, und wenn ein Herzbuchprojekt im Buchhandel oder beim Leser keinen Anklang findet, ist das durchaus schmerzhaft.

Welche Anforderungen werden heute an jemanden gestellt, der diesen Beruf gern ergreifen möchte? Ist ein Studium erforderlich? Wenn ja, welche Fachrichtung? Muss man vorher (viele) Praktika und Volontariate absolvieren? Werden besondere Fremdsprachenkenntnisse oder ähnliches gefordert?
Die wichtigsten Voraussetzungen, um als Lektor zu arbeiten, sind Sprachgefühl, hohe Belastbarkeit, Teamfähigkeit und eine Liebe zum Medium Buch. Es gibt keinen festgelegten Ausbildungsweg, um Lektor zu werden. Die meisten meiner Kollegen haben ein geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen – in der Regel ist es Germanistik, Anglistik (oder eine andere Fremdsprache) oder Literaturwissenschaften. In letzter Zeit bieten Universitäten aber auch das Fach „Buchwissenschaften“ an und auch aus dem kommen immer wieder Volontäre zu uns – und danach ein Volontariat in einem Verlag gemacht, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Von Vorteil bei der Bewerbung ist es natürlich, wenn man neben Englisch noch ein oder zwei andere Sprachen spricht und während seines Studiums bereits versucht hat, über Praktika oder Aushilfstätigkeiten Kontakte in den Verlag zu knüpfen.
Der nächste Schritt nach dem Volontariat, das je nach Verlag zwischen ein und zwei Jahren dauert, ist dann eine Anstellung als Lektoratsassistent oder „Junior Editor“ – und dann entwickelt man sich weiter und wird irgendwann Lektor. Aber, wie gesagt: Es gibt keinen festgelegte Weg. Ich habe beispielsweise eine Ausbildung zum Verlagskaufmann absolviert und die Möglichkeit gehabt, diese immer mehr ins Lektorat zu verlagern; nach Abschluss der Lehre habe ich dann eine Anstellung als Lektoratsassistent gefunden und bin dann Lektor geworden, ohne den „Umweg“ über die Universität gegangen zu sein.

Können Sie etwas über die heutige Situation auf dem Arbeitsmarkt in Ihrem Berufsfeld sagen? Hat man mit der richtigen Ausbildung (und Motivation) eine gute Chance einen Job im Lektorat eines Verlages zu bekommen?
Soweit ich weiß, gibt es deutlich mehr Bewerber als freie Stellen im Lektorat – aber das ist vermutlich in allen attraktiven Berufen so.

Arbeiten in Ihrem Beruf hauptsächlich freie Mitarbeiter oder ist eine Festanstellung wahrscheinlich?
Dazu liegen mir keine konkreten Zahlen vor, aber über den Daumen gepeilt kommen nach meiner Erfahrung auf jeden fest angestellten Lektor in einem Verlag fünf bis acht freie Redakteure oder Lektoren, die als freie Mitarbeiter für den Verlag tätig sind.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage, sofern Sie nichts dagegen haben: Wenn Sie noch einmal die Chance hätten sich völlig frei zu entscheiden, würden Sie dann einen anderen Beruf oder wieder genau Ihren jetzigen wählen?
Die Frage ist knifflig: Ich mag meinen Beruf sehr – sonst würde ich nicht schon seit 19 Jahren in der Verlagsbranche arbeiten -, und wenn ich die Chance hätte, noch einmal ganz von vorne anzufangen, wäre es sicher verlockend, diesen Weg noch einmal zu gehen. Andererseits gibt es viele andere spannende Berufe, die man ausprobieren kann und die nach Dienstschluss die Möglichkeit lassen, Lesen als wunderbares Hobby zu haben.




Kommentare

  1. Ein tolles Interview und sehr aufschlussreich! Ich überlege auch schon länger nach meinem Referendariat vielleicht zu versuchen in einem Verlag Fuß zu fassen, da ich noch nicht genau weiß, ob ich mein ganzes Leben lang Lehrer sein will, daher finde ich die Interview-Reihe sehr spannend. Gerade der Beruf des Lektors interessiert mich sehr, also habe ich gerade äußerst interessiert die Antworten von Herr Sonderhüsken gelesen. :) Vielen Dank für die tolle Idee! Ich freue mich auf die nächsten Teile!

  2. Da wird mal wieder deutlich, wie sehr sich doch die Lektoratsarbeit im Verlag von der externen unterscheidet. Für die Arbeit an den Manuskripten ist im Verlag offenbar kaum noch Zeit, maximal in Form von Qualitätskontrolle. Ich dachte, das sei im belletristischen Bereich eventuell noch anders als im Sachbuchbereich, aber scheint ja nicht so zu sein …

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