[Rezension] Harry Potter und das verwunschene Kind

10. Februar 2017 | 21:25 | Gelesen

Titel: Harry Potter und das verwunschene Kind
Autorin: J.K. Rowling
Originaltitel: Harry Potter and the Cursed Child
Erstveröffentlichung: 2016
Übersetzer: Klaus Fritz, Anja Hansen-Schmidt


Wissenswertes

Harry Potter und das verwunschene Kind ist das Drehbuch zum zweiteiligen, gleichnamigen Theaterstück von J.K. Rowling, Jack Thorne und John Tiffany, dessen Weltpremiere am 30. Juli 2016 in London stattfand. Es setzt die Geschichte um den Zauberer Harry Potter fort und schließt direkt an den Epilog des siebten Bandes an. Das Stück spielt somit neunzehn Jahre nach dem Kampf in Hogwarts und dreht sich hauptsächlich um Albus Potter und Scorpius Malfoy.

Das Buch ist bisher nur als Special Rehearsal Edition Script erhältlich, welches noch bis zur Veröffentlichung der finalen Ausgabe verfügbar sein wird.

Inhalt

Neunzehn Jahre nach den letzten Ereignissen arbeitet Harry im Zaubereiministerium, ist mit Ginny verheiratet und Vater dreier Kinder. Zu seinem Sohn Albus hat er allerdings kein besonders gutes Verhältnis, denn dieser ist es leid ständig mit seinem Vater verglichen zu werden und als schwarzes Schaf der Familie zu gelten, weil er als einziger kein Gryffindor, sondern ein Slytherin ist. Immer wieder kommt es zwischen den beiden zu Missverständnissen.

Als er ein Gespräch zwischen seinem Vater und Amos Diggory belauscht, der Harry bittet Cedric mit Hilfe eines Zeitumkehrers vor dem Tod zu bewahren, was dieser auf Grund der hohen Risiken leider ablehnen muss, hält er seinen Vater daher für kaltherzig und beschließt Cedric selbst zu retten, zusammen mit seinem besten Freund Scorpius Malfoy. Doch keiner der beiden hat wirklich bedacht, welche ungeahnten Folgen schon eine kleine Veränderung der Vergangenheit nach sich ziehen kann …

Kritik

Harry Potter und das verwunschene Kind ist ein Buch, dessen Erscheinungstermin man als Harry Potter Fan zweifellos sehnlichst entgegen gefiebert hat, das einen nach dem Lesen aber leider sehr zwiegespalten zurücklässt. Die Erwartungen, die auf Grund der fantastischen Vorgänger und der generellen Genialität der Geschichte um Harry Potter entsprechend hoch waren, kann es nämlich nicht erfüllen, selbst wenn man darauf gefasst war keinen Roman vorzufinden und zumindest dieser Umstand somit nicht für Enttäuschung sorgt.

Trotz der neuen Form liest sich das Buch ganz gut und man findet schnell Zugang zur Geschichte, vor allem wenn man gern Dramen liest und daher nichts gegen die ansonsten sicher etwas gewöhnungsbedürftige Art einzuwenden hat oder auch in Romanen am liebsten Dialoge liest. Dennoch ist es durchaus denkbar, dass die achte Geschichte nicht zuletzt wegen ihrer Form als Drehbuch beim Leser nicht die gewohnte Begeisterung auszulösen vermag, immerhin wurde sie von Vorneherein speziell als Theaterstück konzipiert und kann vielleicht nur als solches ihren ganzen Zauber entfalten, wobei man sich einige Dinge, wie z.B. die Verwandlung durch Vielsafttrank, nur schwer auf einer Theaterbühne vorstellen kann. Ferner sorgen die plötzlichen Szenenwechsel zwischen Traum und Realität bzw. Vergangenheit und Gegenwart manchmal für ein wenig Verwirrung.

Dass einige Entwicklungen überhastet scheinen, ist wahrscheinlich ebenfalls dem Medium geschuldet. Auf einer Bühne hat man für bestimmte Szenen und Ereignisse eben nicht unbegrenzt Zeit, weshalb ein Roman für ein Theaterstück erst gekürzt werden müsste. Man liest also eigentlich eher eine gekürzte Fassung der Geschichte.

Die Handlung selbst ist nicht uninteressant und Zeitreisen sind immer wieder ein beliebtes Thema. Die Quintessenz bleibt jedoch stets dieselbe: Man sollte lieber die Finger davon lassen und keinesfalls leichtfertig mit der Zeit spielen. Die Konsequenzen sind meistens unabsehbar und ganze Existenzen können dadurch ausgelöscht werden, wie die Verantwortlichen später auch hier am eigenen Leib erfahren. Insbesondere die letzte Version der Gegenwart, die man zu sehen bekommt, möchte man nie wieder Wirklichkeit werden lassen. Umso schwerer fällt es einem zu verstehen, wie die beiden Jungs so überheblich und leichtsinnig sein konnten, wohlwissend was alles auf dem Spiel steht.

Ja, Cedrics Schicksal tut einem leid und er hatte den Tod nicht verdient. Aber für sein Leben das aller anderen zu riskieren, indem man etwas verändert, das Voldemort am Ende vielleicht zum Sieg verhilft? Niemals! Das hätte Cedric garantiert ebenfalls nicht gewollt. Und die beiden Freunde reisen nicht nur einmal durch die Zeit, sondern gleich mehrfach.

Positiv an den Zeitreisen ist dafür das freudige Wiedersehen mit Figuren, die zum Teil gar nicht mehr am Leben sind. Außerdem ist es interessant einmal eine andere Version dieser Personen zu erleben und einer von den „Toten“ beweist sogar überraschend viel Humor.

Von der Gegenwart kann man das jedoch nicht behaupten. Wer die bereits bekannten Charaktere in den sieben Romanen kennen und lieben gelernt hat, wird schnell erkennen, dass sie hier unglücklicherweise nur einen schwachen Abklatsch darstellen, was die Wiedersehensfreude enorm trübt. Besonders auffällig ist dies bei Ron, der scheinbar nur noch zum Klassenclown taugt. Doch auch Hermine ist nicht mehr die starke, durchsetzungsfähige Frau, die sie einst war. Harry hat sich ebenfalls sehr verändert und an Charme verloren. Das Nostalgiegefühl, das beim Lesen der ersten Seiten aufkommt, verfliegt deshalb ebenso schnell wie die damit einhergehende Lesefreude.

Darüber hinaus erfährt man bedauerlicherweise so gut wie nichts darüber, was in den vergangenen neunzehn Jahren geschehen ist, also zwischen dem Ende des siebten, den Epilog ausgenommen, und dem Anfang des „achten“ Bandes. Nicht einmal, wie es zu den jeweiligen, teilweise sehr interessanten, Berufen der nun erwachsenen Protagonisten kam.

Die Geschichte dreht sich allerdings ohnehin hauptsächlich um Albus und Scorpius, die Söhne von Harry und Draco. Die anderen Kinder von Harry und Ginny bzw. Hermine und Ron haben nur wenige Auftritte, manche werden allenfalls zwei- bis dreimal erwähnt.

Scorpius ist – im Unterschied zu Albus – ein sehr liebenswerter Junge, den man einfach mögen muss. Er denkt nie nur an sich und ist ein sehr loyaler Freund, der für seinen besten und einzigen Freund alles opfert, was er sich je gewünscht hat.

Der Moment, in dem sich Albus mit Scorpius anfreundet, ist hingegen der einzige, in dem man diesen Sohn Harrys nicht hasst. Ansonsten ist er absolut unausstehlich und als Leser kann man sein Verhalten, insbesondere seinem Vater gegenüber, die meiste Zeit kein bisschen nachvollziehen, was das Lesevergnügen mitunter enorm beeinträchtigt. Zweifelsohne hat Harry in der Beziehung zu seinem Sohn einige Fehler gemacht, doch er bemüht sich ihr Verhältnis zu verbessern und versucht wenigstens Albus zu verstehen, was man umgekehrt nicht gerade behaupten kann. Zudem fragt man sich unentwegt, warum Albus seinen Vater so sehr hasst und wie es dazu gekommen ist.

Albus ist also manchmal ein richtiges Ekel, das nur an sich denkt, die Gefühle anderer mit Füßen tritt und vor allem Harry oft Unrecht tut. Es mag in der Tat nicht immer einfach sein der Sohn von Harry Potter und als einziger aus der Familie ein Slytherin zu sein, aber das ist noch lange kein Grund so in Selbstmitleid zu versinken, zumal James und Lily zumindest ersteres offenbar völlig problemlos bewältigen. Statt nur bei anderen sollte er die Ursachen für seine Probleme also lieber auch mal bei sich selbst suchen. Doch traurigerweise bleibt Albus lange uneinsichtig, sodass bis kurz vor Schluss diesbezüglich keine Verbesserung eintritt.

Die traurige Wahrheit ist daher, dass Draco Malfoy, der die schwierige Beziehung zu seinem Sohn mit Harry gemein hat, einem durch die Liebe zu Scorpius und so manches Geständnis im Verlauf der Handlung viel sympathischer wird als Harrys Sohn, selbst wenn man ihn vorher noch so gehasst hat.

Schade ist zudem, dass am Ende nach der insgesamt recht gut gelungenen Auflösung noch so viele Fragen unbeantwortet bleiben: War Delphi zum Beispiel wirklich, wer sie zu sein vorgab? Einerseits ist es nur schwer vorstellbar, es gab schließlich keinerlei Beweise und sie selbst glaubte nur daran, weil eine gewisse Person es behauptet hat. Andererseits hatte sie merkwürdige, einzigartige Fähigkeiten, für die es vielleicht keine andere Erklärung gibt.

Auch der Titel gibt am Schluss noch Rätsel auf: Wer ist denn nun das verwunschene Kind? Albus? Scorpius? Oder Delphi?

Fazit

Harry Potter und das verwunschene Kind ist ein schnell gelesenes Drehbuch mit einer eigentlich recht fesselnden Handlung, bei der man stets wissen möchte, wie es weitergeht. Es ist jedoch schwierig eine Geschichte richtig toll zu finden, bei der man den Helden – oder zumindest einen davon – und sein gesamtes Verhalten weder ausstehen kann noch versteht. Vielleicht waren aber auch die hohen Erwartungen an das Buch einfach unmöglich zu erfüllen.

Als Fan der Harry Potter Reihe wird man das Script früher oder später so oder so lesen, doch an die sieben Romane dieser großartigen Serie kommt die Geschichte definitiv nicht heran. Man sollte also besser nicht zu viel erwarten.





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