[Rezension] 54 Minuten

29. September 2017 | 23:05 | Gelesen

Titel: 54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe
Autorin: Marieke Nijkamp
Originaltitel: This Is Where It Ends
Erstveröffentlichung: 2016
Übersetzer/in: Mo Zuber


Wissenswertes

54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe ist der Debutroman der niederländischen Autorin Marieke Nijkamp, die Philosophie und Geschichte studiert hat. Sie Spricht mehrere Sprachen und schreibt auf Englisch. Daher wurde ihr Roman auch zuerst in den USA veröffentlicht, wo er ein großer Erfolg wurde. Ihr zweiter Roman, Before I Let Go, erscheint im Januar 2018 in den USA.

Inhalt

Eigentlich hätte es ein Tag wieder jeder andere in der verschlafenen Kleinstadt Opportunity, Alabama, werden sollen. Wie jedes Mal zum Beginn eines neuen Schulhalbjahrs hält die Direktorin der High School in der Aula ihre Begrüßungsrede. Es ist jedes Mal die gleiche Ansprache und jedes Mal ist sie um exakt 10 Uhr zu Ende. Normalerweise würden die Schüler daraufhin scharenweise aus der Aula strömen und sich in ihre jeweiligen Klassenräume begeben.

Doch heute ist kein normaler Tag. Heute ist alles anders. Heute sind alle Türen zur Aula verschlossen. Heute kann niemand der Anwesenden die Aula verlassen. Denn heute hat ein Schüler beschlossen sich an all jenen zu rächen, die ihm sicher Ansicht nach Unrecht getan haben …

Kritik

54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe ist ein sehr gelungener und zugleich erschreckender Roman, in dem Marieke Nijkamp es dem Leser ermöglicht eine überaus tragische Situation mitzuerleben, die einem im echten Leben hoffentlich erspart bleibt: ein Amoklauf.

Die Handlung, die, wie der Titel schon sagt, insgesamt gerade einmal 54 Minuten umfasst, beginnt relativ harmlos. Wer den Klappentext kennt, weiß aber natürlich, was einem bevorsteht, daher verdächtigt man anfangs schon gleich jede der Figuren, die man nach und nach kennenlernt. Man sucht nach Hinweisen und es sind durchaus Andeutungen vorhanden, diese locken einen jedoch eher auf falsche Fährten. Kurz darauf beginnt der Terror und mit dem ersten Schuss offenbart sich augenblicklich auch der Täter, der alles penibel geplant hat und keinerlei Gnade zeigt. Mehr als einmal fragt man sich, wo die längst benachrichtigte Polizei bleibt, bis einem wieder klar wird, dass bisher nur wenige Minuten vergangen sind.

Die Geschichte wird aus insgesamt vier verschiedenen Perspektiven geschildert. Zunächst sind die einzelnen Kapitel noch sehr kurz und die Blickwinkel werden sehr häufig gewechselt, was für etwas Verwirrung sorgt, weil man die Namen der vielen Personen und ihre Beziehungen zueinander erst einmal verinnerlichen muss. Das bessert sich aber im späteren Verlauf, als die Kapitel etwas länger werden und man die Charaktere langsam besser kennt.

Daneben werden am Ende jedes Kapitels zudem kurze Auszüge aus Chat-Verläufen, Beiträge auf Social Media Kanälen, o.Ä. abgedruckt. Viele Schüler in der Aula haben ihre Handys dabei und schicken ihre Hilferufe auf verschiedensten Wegen in die Welt hinaus oder versuchen ihre Angehörigen, oftmals die Eltern, zu erreichen. Viele der Leser/Empfänger halten diese Nachrichten zuerst für einen kranken Scherz, später überwiegt dann die Sorge um die Absender. Schließlich versuchen sogar Reporter über Twitter und dergleichen Kontakt aufzunehmen, um etwas über die aktuelle Lage zu erfahren.

Zwei der Figuren, aus deren Sicht man die Ereignisse miterlebt, befinden sich zum Zeitpunkt des Amoklaufs in der Aula, also direkt am Ort des Terrors. Die anderen beiden befinden sich außerhalb der Aula auf dem Schulgelände. Sie erleben das Geschehen nicht direkt mit, haben allerdings die Schüsse gehört und versuchen zu helfen. Als Leser erfährt man dadurch einerseits, wie sich diejenigen fühlen, die gerade konkret um ihr Leben fürchten, und andererseits, was jene empfinden, die sich verzweifelt fragen, was da gerade vor sich geht, wer dahinter steckt und ob es denen, die sie lieben, gut geht. Die Situation verändert jeden von ihnen, jeder reagiert anders darauf, und es bringt neue Seiten an ihnen zum Vorschein, gute wie schlechte. Während einige nur ans eigene Überleben denken, opfern sich andere oder begeben sich selbst in Gefahr, um jemanden zu retten.

Die einzelnen Charaktere haben alle unterschiedliche Beziehungen zum Täter und müssen zum Teil mit widersprüchlichen Gefühlen kämpfen. Verständlicherweise lassen sich die Liebe zum Täter als Person und der Abscheu wegen seiner furchtbaren, hasserfüllten Tat schwer miteinander in Einklang bringen. Manche wollen nicht wahrhaben, dass er zu so etwas Schrecklichem überhaupt fähig ist und sie sich so sehr in ihm getäuscht haben. Manche haben Schuldgefühle und machen sich Vorwürfe, dass sie nichts bemerkt und nichts unternommen haben bzw. die Tat nicht verhindern konnten, obwohl sie im Grunde nichts dafür können. Andere hätten dagegen viel eher Grund dazu sich die Schuld daran zu geben. Auf jeden Fall trägt mehr als eine Person die Verantwortung dafür und die Eskalation hätte vielleicht verhindert werden können, wenn bestimmte Menschen sich im Vorfeld anders verhalten hätten.

Positiv hervorzuheben ist darüber hinaus die Diversität der Figuren, insbesondere in Bezug auf Herkunft und sexuelle Orientierung. Mittels eines Pärchens unter den erzählenden Protagonisten hat Marieke Nijkamp zudem sogar eine kleine Liebesgeschichte in ihren Roman eingebaut. Die beiden Figuren haben sehr starke Gefühle füreinander und versuchen mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, den jeweils anderen zu retten. Aus Angst vor den Reaktionen der Leute, haben die beiden ihre Beziehung bislang immer geheim gehalten, was sie nun, da sie einander für immer verlieren könnten, jedoch bereuen.

Durch Rückblicke erfährt man nach und nach etwas mehr über die vier Erzähler, deren Familien, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen sowie ihre jeweilige Vergangenheit. Es ist interessant zu sehen, wovon sie träumten oder welche Zukunft sie sich erhofften, bevor ihr Leben von einer Sekunde auf die andere eine völlig ungeahnte Wendung nahm. Sie alle haben Sorgen und Ängste und stammen teilweise aus schwierigen, familiären Verhältnissen. So wie jeder eben mit gewissen Problemen zu kämpfen hat. Man bringt ihnen allen viel Mitgefühl entgegen, selbst dem Täter, bevor er letztlich zum Amokläufer wird, was durch nichts zu rechtfertigen ist.

Die Handlung ist durchgängig fesselnd und man kann kaum aufhören zu lesen, ähnlich wie bei einem Unfall, bei dem man einfach nicht wegsehen kann. Eigentlich würde man sich gern abwenden, weil die ganze Situation so unfassbar schrecklich ist, dass man es kaum ertragen kann, gleichzeitig will man aber wissen, wie es weiter geht, wer überlebt und wer dem Amokläufer noch zum Opfer fällt. Irgendwann sind es so viele, dass einige nur noch beiläufig erwähnt werden.

Mit der Zeit wird immer deutlicher, wie akribisch der Täter den Amoklauf geplant hat und wie gut er auf verschiedene Eventualitäten vorbereitet ist. Sogar potenzielle Helfer hat er zuvor auf brutalste Weise ausgeschaltet. Zum Teil tötet er ganz gezielt, zum Teil schießt er wahllos in die Menge, was ihn unberechenbar macht. Außerdem zeigt sich, wie sehr Trauer und Wut einen Menschen verändern können, wie solche Gefühle ihn von innen auffressen, bis er nicht mehr zu erkennen ist und seine ganze Menschlichkeit verliert.

Am Ende hat man auf jeden Fall Tränen in den Augen, denn neben den vielen Toten, die man lediglich namentlich kennt, sterben auch Charaktere, die man inzwischen lieb gewonnen hatte. Der Tod einer Figur erscheint dabei besonders sinnlos, da sie vermutlich überlebt hätte, wenn sie sich einfach zusammen mit zwei anderen Personen weiterhin versteckt gehalten hätte. Stattdessen wollte sie ihnen Zeit zur Flucht verschaffen, obschon die Polizei mittlerweile bereits vor Ort war. Zu allem Überfluss hat eine dieser Person durch ihr gegensätzliches Verhalten schließlich noch riskiert, dass dieses Opfer vielleicht vergeblich gewesen wäre.

Im Übrigen ist der Schluss ziemlich offen gehalten; nach dem Einschreiten der Polizei folgt nur noch ein kurzer Epilog. Man erfährt leider kaum etwas über die Reaktionen der Familien der Opfer und insbesondere des Täters. Man weiß nichts über die Zukunft der Überlebenden, außer dass sie dankbar dafür sind überhaupt noch eine zu haben.

Der Schreibstil von Marieke Nijkamp ist sehr bildhaft, ihre Beschreibungen sind ausgesprochen anschaulich, was bei besonders blutigen Szenen ein umso grausigeres Bild entstehen lässt. Sie beschreibt schonungslos, wie kaltblütig und erbarmungslos der Täter gegen seine Opfer vorgeht, wobei nicht alle das „Glück“ haben so schnell und verhältnismäßig schmerzlos zu sterben wie durch einen Schuss in die Brust oder den Kopf. Einige Opfer wurden wesentlich grausamer getötet.

Obwohl grundsätzlich natürlich der Amoklauf im Mittelpunkt steht, greift die Autorin darüber hinaus noch andere, aktuelle Themen kurz auf und weist auf Missstände hin, darunter häusliche Gewalt, Alkoholismus, Homophobie, Vergewaltigung und Racial Profiling.

Fazit

54 Minuten – Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe ist ein bewegender Roman, der einem wieder vor Augen führt, wie wichtig es ist Jugendliche über bestimmte Themen aufzuklären und wie erschreckend leicht man in gewissen Ländern an die Mittel gelangt, um zahlreichen Unschuldigen innerhalb kürzester Zeit das Leben zu nehmen.





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